• Losgelöst

Tag 3 | Das erste Mal Trampen!

Montag | 11.11.19 | 10:55 Uhr | Marsannay-la-Côte


Auf Reisen erlebt man immer wieder neue Dinge. Man sieht Dinge um ersten Mal. Man macht Dinge zum ersten Mal. Man fühlt Dinge zum ersten Mal. Heute war für mich ein solcher Moment, denn ich bin zum ersten Mal getrampt. Per Anhalter zum Ziel. An den Straßenrand stellen, Daumen raus, nett lächeln und auch nach einer gewissen Zeit zuversichtlich bleiben. Lukas hat in dieser Hinsicht schon Erfahrung gesammelt, bisher immer positive. Das beruhigt.


Was weniger beruhigt, ist die Tatsache, dass heute der 11.11. ist - ein Feiertag in Frankreich. An diesem Tag wird der Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges gefeiert. Viele Familien nutzen diesen Tag, um Zeit mit ihren Familien zu verbringen. Das bedeutet auch, dass die Straßen vielleicht nicht so stark befahren sein werden. Das hätten wir natürlich wissen können, wenn wir uns vorbereitet hätten. Haben wir aber nicht. Wir versuchen es trotzdem.


Fang schon mal an, während ich das Schild beschrifte!“ schlägt Lukas vor. Wir stehen an der Autobahnauffahrt in Richtung Lyon. Es ist 10:55 Uhr und bei 4°C alles andere als wohlig warm. Zaghaft strecke ich den Arm zur Seite und halte meinen Daumen raus. Ein bisschen komisch fühle ich mich schon.


11:25 Uhr: Es ist sehr interessant, die einzelnen Reaktionen der Autofahrer zu beobachten. Die meisten fahren ignorierend vorbei, einige schütteln ungläubig den Kopf, aber viele winken auch und geben Handzeichen, dass sie leider in eine andere Richtung fahren. Die Minuten vergehen. Nach einer halben Stunde gehen wir ein Stück die Straße entlang, weil wir in einiger Entfernung einen bessere Anhaltemöglichkeit für die Fahrer entdeckt haben.


12:00 Uhr: Mit einem „Ich musste noch nie so lange warten!“ von Lukas zeichnen wir unsere Buchstaben auf dem Pappschild größer nach und versuchen es weiter. Mittlerweile ist eine Stunde vergangen und die Kälte kriecht uns so langsam in die Schuhe und Jackenärmel. Und ich muss Pipi.


12:30 Uhr: Wir fangen an zu singen und jedes vorbeifahrende Auto zu kommentieren. Zu klein, zu kaputt, zu voll, zu grimmig guckend. Irgendwie muss man sich ja bei Laune halten.


12:55 Uhr: Nach zwei Stunden fangen wir an zu zweifeln, auch wenn der Platz perfekt zu sein scheint. Es fahren gefühlt 100 Autos pro Minute an uns vorbei, aber keines hält an. Doch dann, gerade als wir nach einem Fernbus suchen wollten, kommt unser Retter in Not.


Das Witzige beim Trampen ist der Moment, in dem man sich umdreht und ungläubig auf das haltende Auto blickt. Und in dem man in Windeseile seinen Backpack sattelt und zum Auto sprintet aus Angst, der Fahrer überlegt es sich noch einmal anders.


13:00 Uhr: Wir sitzen in einem Transporter bei Nadir, der Lebensmittel ausliefert. Während unsere Backpacks hinten im Kühlraum bei -15°C liegen, dreht Nadir vorne die Heizung für uns auf. Ob unsere Technik einen solchen Kälteschock überstehen wird? Und unser Wasser? Hm, wir werden sehen, denken wir uns. Und versuchen uns mit Nadir zu unterhalten. Er kommt ursprünglich aus Tunesien und lebt seit 20 Jahren in Frankreich. 2x die Woche fährt er diese Strecke. Er nimmt uns ein Stück mit und spendiert uns Kaffee und Wasser. Als unsere Französichkenntnisse ausgehen, dreht er die Musik auf. Alle drei wippen wir mit dem Kopf zu Candyshop von 50ct. Herrlich!


14:00 Uhr: Nadir lässt uns in Macon raus und für uns heißt es wieder: Pappschild hoch und Däumchen raus. Dieses Mal haben wir mehr Glück. Nach nicht mal 10 min hält Omir. Die erste Verständigung klappt gut. Danach fragt er seine Schwägerin über Facebook, die Deutsch und Russisch beherrscht und somit übersetzen kann. Omir kommt aus Georgien und fährt in der Region Pakete aus.


15:30 Uhr: Wir steigen auf einem Supermarkt-Parkplatz in Chalon aus. Aufgrund kleinerer Verständigungsprobleme hält Omir ein wenig abseits der Autobahn. Wir sind trotzdem dankbar, dass er uns mitgenommen hat. Zeit für ein gemeinsames Foto bleibt auch noch.


Ein wenig ratlos stehen wir auf dem Parkplatz. Was sollen wir nun tun? Zurück zur Autobahn zu laufen würde uns gefühlt eine Stunde zu Fuß kosten. Einmal quer durch Chalon laufen, um zur nächsten Mautstation zu kommen, aber auch. Hinzukommt, dass wir seit dem Frühstück noch nichts gegessen haben und vor Hunger jede Entscheidung schwieriger wird. Auch Constantin, ein Student, der uns für die kommende Nacht seine Couch angeboten hat, fragt nach, wann wir ungefähr in Lyon ankommen werden. Uns fehlen noch 70 km bis Lyon. Wir wissen es nicht.


Nach einigen Überlegungen entscheiden wir uns, die Leute auf dem Parkplatz um Rat zu fragen. Und es erwies sich als richtige Eingebung. Ein junger Mann in unserem Alter schaut uns neugierig an, als wir ihn fragen, ob er einen guten Platz zum Trampen empfehlen kann. Wir fragen auf Englisch, weil unser Französisch für solch eine Frage einfach nicht ausreicht. Er verzeiht es uns und bietet uns sogar an, uns zu einem guten Platz zu fahren, er müsse eh in die Richtung. Welch ein Wunder!


Als Dankeschön verkneifen wir uns unser Englisch für die gesamte Fahrt und kramen all unsere Französisch-Kenntnisse aus den hintersten Ecken unserer Köpfe. Er ist sichtlich erfreut und meint mit einem Grinsen, dass man Franzosen nicht auf Englisch ansprechen darf. Und da ernten wir auch schon ein Lob, dass unser Französisch gar nicht so schlecht sei. Hurra! Merke: Sprich Franzosen in ihrer Muttersprache an und du bist ein Held! (Egal, wie schlecht dein Französisch ist).


16:00 Uhr: Wir stehen wieder an einer Mautstation in Richtung Lyon. Wir schaffen es kaum, unser Pappschild hoch zu halten und den Daumen rauszustrecken, da hält das nächste Auto. Ghislaine und Clovis wollen uns mitnehmen. Die Herausforderung dabei: der Kofferraum ist voll und der Rücksitz wird von Poppy bewacht. Poppy? Das ist der goldigste Hund, dem wir bisher auf unserer Reise begegnet sind. Wir grinsen und sagen, dass wir Hunde lieben und steigen strahlend auf die Rückbank - die Backpacks zwischen unseren Beinen und Poppy zwischen uns. Lachend kassieren wir einige Hundeküsschen, bis sich der Vierbeiner beruhigt.


Ghislaine ist die Mutter von Clovis, der in unserem Alter zu sein scheint und selbst schon viel gereist ist. Gut für uns, denken wir, denn so haben die beiden ein Herz für Tramper. Generell ist uns aufgefallen, wie großzügig die Leute sind, die uns heute mitgenommen haben. Auch wenn sie nur wenig Platz haben, nehmen sie uns mit. Manche sind sogar kleine Umwege gefahren.


Egal, wie weit man mitgenommen wird, als Tramper ist man für jeden einzelnen Meter dankbar. Und egal, ob Fahrer oder Tramper: in beiden Fällen hat man die Chance, wundervolle Menschen und deren Geschichten kennen zu lernen.



Kurz vor Lyon halten wir ein letztes Mal unser Pappschild hoch. Ghislaine, Clovis und Poppy fahren hupend und winkend davon und machen Platz für das nächste Auto, das prompt hält. Wahnsinn! Claudine ist auf dem Weg ins Kino und nimmt uns mit. Wir quetschen uns in ihr kleines Auto. Unsere Zungen verknoten sich, als sie uns auf Deutsch anspricht. Wie ungewohnt, mal wieder in der eigenen Muttersprache zu kommunizieren. Claudine hat selbst schon einmal die Welt bereist und begrüßt unseren Plan. Sie meint, das Einfachste am Reisen ist das Losgehen, am schwierigsten ist es zurückzukehren. Wir denken darüber nach, während wir durch Lyons Straßen fahren. Wird es uns auch so ergehen?



17:30 Uhr: Wir sind endlich da! Wir stehen im Zentrum von Lyon und können es kaum glauben. Wir sind 200 km gefahren, haben insgesamt 5 Mal den Daumen ausgestreckt und sind großzügigen, warmherzigen und interessanten Menschen begegnet. Froh, aber auch erschöpft geben wir Constantins Adresse bei MapsMe ein und laufen die letzten 40 Minuten für den heutigen Tag. Am Ziel angekommen werden wir strahlend begrüßt und in unserer Unterkunft herum geführt. In Constantins 1-Zimmer-Studentenbude geht das sehr schnell, aber uns ist alles recht. Einer von uns kann neben ihm im Bett schlafen, der andere auf dem Boden. Wir entscheiden uns aber dafür, gemeinsam die Erfahrung im Auf-dem-Boden-Schlafen zu machen und bereiten alles für die Nacht vor. Gut, dass wir unsere Schlafsäcke eingepackt haben! Constantin spendiert uns sogar noch Decken und Kopfkissen.


Bevor jedoch ans Schlafen zu denken ist, werden wir noch von Constantin zum Essen eingeladen. Er kocht für uns Reis mit einem Fenchel-Linsencurry. Ausgehungert und überglücklich löffeln wir die Teller leer. Wir reden noch einige Zeit über Dies und Das. Constantin studiert Politikwissenschaften und Persisch. Er ist selbst schon von Lyon nach Tadschikistan getrampt (und hat dafür 1,5 Monate benötigt) und für 1 Jahr im Iran gelebt. Er mag unseren Plan und bietet uns an, noch eine Nacht länger zu bleiben.


Überrascht und leicht verunsichert von seiner Großzügigkeit denken wir darüber nach. Er bietet uns nicht nur kostenlos für 2 Nächte eine Unterkunft an; er bekocht uns auch, hat Frühstück für uns parat und auch schon für den nächsten Abend eingekauft. Er ist einfach unfassbar gütig!


Gerne würden wir noch weiter mit ihm plaudern, aber wir können nur noch schwer unsere Augen offen halten und kuscheln uns gegen 21:30 Uhr erschöpft in unsere Schlafsäcke ein.

Was für ein Tag!

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