• Losgelöst

Tag 103-105 | Besuch der ältesten Stadt Uruguays

Mittwoch 19.02.2020 bis Freitag 21.02.202 | Colonia del Sacramento




Raus aus der Pampa, rein in die Historie des Landes

Der letzte Tag auf Jaimes Farm kommt schnell, aber erwartet. Wir merken, dass es Zeit wird, weiter zu ziehen. Es ein Gefühl in uns, welches wir schon einmal hatten. Es sagt uns, dass wir unsere Zeit an diesem Ort vollbracht haben und das woanders etwas Neues auf uns wartet. Somit fällt es uns an diesem Morgen auch nicht schwer, die Betten abzuziehen, unsere Backpacks zu packen, etwas aufzuräumen und dann das letzte Bild mit Jaime zu machen. Er nimmt uns und die beiden Haushälterinnen, die ihm mit der Beherbergung der Gäste halfen, in seinem Jeep mit. Da der Jeep nur Fahrer- und Beifahrersitz hat, suchen wir uns auf dem Geländer Holzklötze zusammen, die im Rückraum des Autos zu „Sitzen“ umfunktioniert werden. Anschnallgurte gibt es selbstverständlich nicht, wo bliebe sonst der Spaß? Für uns zwei ein Abenteuer, die Maids hingegen scheinen dies bereits gewohnt zu sein.



In einem beachtlichen Tempo geht es im schlecht gefederten Jeep über Schotterwege bis nach Cero Collorado, wo er die beiden Maids raus lässt. Für uns drei geht es weiter nach Montevideo, wo wir zwei einen Bus nach Colonia del Sacramento nehmen. Jaime bleibt noch eine Nacht in der Stadt, bevor es am nächsten Tag für ihn in den Urlaub geht. So zumindest der Plan.


Nachdem die Maids jeweils Zuhause abgesetzt wurden, macht es sich Sandra halb liegend im Rückraum bequem. „Gibt das keine Probleme mit der Polizei, wenn wir so über die Schnellstraßen fahren?“, fragen wir. „Nein, das sollte passen. Aber Lukas, benutz du bitte den Anschnallgurt, vorne unangeschnallt zu sitzen sieht die Polizei nämlich gar nicht gerne“. Wir schauen uns verdutzt an. Meint er das ernst? Da Jaime aber keine Miene verzieht, schnallt sich Lukas vorne an, während Sandra ohne jegliche Absicherung hinten in staubige Deckung geht. Wir wollen unser Glück ja nicht herausfordern.


Fotos: So fahren wir knapp drei Stunden durch die Straßen Uruguays (das mit der Anschnallpflicht haben die beiden vorne dann doch nicht so ernst genommen)


"War schön mit euch. Macht es gut!" Eine kurze Umarmung und weg ist er.

So fahren wir eine gute Stunde, machen eine Pause, holen uns einen kleinen Snack, tauschen die Plätze und fahren weiter Richtung Montevideo. Eine Stunde vor Ankunft merken wir, dass Jaime unruhig wird. Er bekommt mehrere Anrufe, von denen wir nur Bruchteile verstehen. Dann fährt er plötzlich rechts ran, nimmt einen Anruf entgegen und wirkt unzufrieden. Wir steigen aus und erkundigen uns nach der Situation. Wie sich rausstellt, steht gerade eine Gruppe von acht Gästen vor der Farm und wartet darauf, in Empfang genommen zu werden. Sein Bruder hatte die Gruppe angenommen, Jaime aber nichts davon erzählt. Da der Bruder ebenfalls unterwegs ist, steht die Gruppe quasi allein auf der Farm und wartet auf einen Gastgeber. Jaime guckt uns an: „Ich muss zurück zur Farm, um mich um die Gäste zu kümmern. Dort drüben fährt demnächst ein Bus ab, ein gelber, der bringt euch nach Montevideo. Tut mir leid, dass ich euch nicht weiter fahren kann. War schön mit euch. Macht es gut.“ Eine kurze Umarmung und weg ist er.


Wir schauen ihm verwirrt nach und müssen lachen. Irgendwie passt die ganze Situation zu unserer Zeit mit Jaime. Also schlendern wir rüber zu der Busstation, stellen unsere Backpacks ab und warten auf den Bus. Wir warten und warten. Nachdem lange kein gelber Bus kommt und wir wohl ein bisschen verloren aussehen, werden wir von einer Gruppe Jungs angesprochen. In unserem gebrochenen Spanisch erklären wir, was wir wollen, vorauf hin uns versichert wird, dass wir bereits in Montevideo seien und der Bus heute noch käme. Was er dann nach insgesamt 1,5 Stunden auch tut. Wir steigen ein, holen uns ein Ticket und denken gemeinsam darüber nach, wie weit es wohl noch bis zum Busbahnhof ist. Wir haben natürlich weder Internet noch Karten gekauft, was wir beides eigentlich auch nicht gebraucht hätten. Ein Mädchen in unserem Alter sieht unsere wortlosen Fragen und spricht uns an. Sie bietet uns an, an der für uns richtigen Station Bescheid zu sagen, damit wir nicht zu weit fahren. So erreichen wir um 18 Uhr den Busbahnhof in Montevideo, wechseln den Bus und machen uns, deutlich später als geplant, auf nach Colonia.



Colonia del Sacramento


Es ist schon dunkel, als wir den Bus verlassen und die letzten Meter zu unserer Unterkunft zu Fuß hinter uns bringen. Per Whatsapp informieren wir unseren Host von Airbnb, dass wir an der Wohnung sind und werden 5 Minuten später von einer netten Dame in Empfang genommen. Müde vom Tag beschließen wir, nicht mehr in die Stadt zu gehen und früh zu schlafen. Bevor wir unsere Augen schließen, bekommen wir noch eine Antwort von Jaime: „Hey Leute, ich bin froh, dass ihr gut angekommen seid. Ich war mir unsicher, ob es klappt. Die Gegend, in der ich euch raus gelassen habe, ist nicht gerade ein sicheres Viertel. :-(" Typisch Jaime, schmunzeln wir. Es hat ja alles geklappt und hilfsbereit waren die Menschen dort auch.


Ausgeruht überlegen wir am nächsten Morgen, welche Punkte wir in Uruguays ältester Stadt besichtigen möchten. Als wir die Jahreszahl der Stadtgründung lesen, müssen wir grinsen: 1680. Deutschlands älteste Städte wurden mit Trier um 16 v. Chr. gegründet. Schon interessant, was „alt“ in anderen Teilen der Erde bedeutet.


Colonia del Sacramento ist ein beliebtes Ausflugsziel von Touristen, die Urlaub in Argentinien machen. Denn von hier gibt es eine direkt Fähr-Verbindung nach Buenos Aires. Wir lesen auf vielen Seiten, dass ein Tag in dieser kleinen Hafenstadt genügt, um alles zu besichtigen. Jedoch freuen wir uns nach einem Monat Pampa auf einen kleinen Städte-Trip und nehmen uns dafür 3 Tage Zeit.

Nach dem Frühstück geht es für uns in Richtung Altstadt, die uns auch von unserem Host empfohlen wird. Dort soll alles Interessante liegen. Als erstes kommen wir am Rathaus der Stadt vorbei, welches in gewohnter Manier von einer Statue des Landeshelden Artigas bewacht wird.

Foto: Das Rathaus "Intendencia de Colonia" sticht beim Stadtspaziergang ins Auge.


Als Nächstes treffen wir auf den kleinen Hafen der Stadt, in dem einige kleine Segelboote liegen. Melancholisch schauen wir auf die kleinen Boote und denken an unsere Zeit auf dem Atlantik zurück. Mit ein bisschen Abstand erscheint es gar nicht mehr so schlimm, sondern immer mehr wie das große Abenteuer, das es für uns war.

Fotos: Wie immer zieht es uns ans Wasser. Jeder Hafen lässt uns an unsere Atlantik-Überfahrt denken.



Nachdem wir ein bisschen in Erinnerungen schwelgen, schlendern wir weiter und erreichen bald das alte Stadttor. Wir betreten das ehemalige Fort, welches während der Jahre abwechselnd von Spaniern und Portugiesen besetzt war und 1762 von den Briten angegriffen wurde. Erst seit dem Uruguayischen Bürgerkrieg, der von 1839 bis 1851 ging, hat die Stadt ihre Ruhe, konnte wiederaufgebaut und 1995 die Altstadt durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben werden. Seitdem kommen viele Touristen in die Stadt, um neben dem alten Fort auch die älteste katholische Kirche des Landes zu bestaunen, die Basilica de Santíssimo Sacramento.



Fotos: Unser Spaziergang führt zur ältesten katholische Kirche des Landes, die Basilica de Santíssimo Sacramento.


Nach den ganzen Jahreszahlen lassen wir uns in einem der zahlreichen Restaurants nieder und genehmigen uns einen Clericó (uruguayischer Sangria). Danach schlendern wir noch ein bisschen durch die Altstadt und genießen die zahlreichen Streetarts, die an den verschiedensten Orten die Stadt verziert. Schon toll, wie ein bisschen Farbe eine Stadt lebendiger und interessanter machen kann.

Fotos: Wir kommen ein letztes Mal in den Genuss von Clericó und urguayischer Graffiti-Kunst.


Am Abend gibt es dann ein weiteres kulinarisches Highlight, einen Chivito. Das Nationalgericht Uruguays besteht in der Regel aus einem Filetsteak, Mozzarella, Tomatenscheiben, Mayonnaise, Oliven, gekochtem Schinken und Spiegelei, umarmt von einem Brötchen. Das Beste Chivito gibt es laut Tripadvisor an einem Schnellimbiss in der Altstadt, wo er umgerechnet 2,00 € kostet. Auch wenn die Bilder zuerst einmal nicht einladend aussehen, vertrauen wir den guten Bewertungen und sind schon nach dem ersten Bissen hin und weg. Zugegeben, es ist sicherlich nicht das gesündeste Abendessen hinsichtlich Nachhaltigkeit (Plastik, Fleisch ohne Herkunftsangaben,...). Aber wir möchten auch die Essgewohnheiten der Länder, die wir besuchen, kennen lernen. Und es schmeckt wirklich gut. Nach jeweils einem Chivito sind wir beide satt und glücklich und schlendern zurück zu unserer Unterkunft.

Fotos: Wir probieren besser spät als nie das Nationalgericht Uruguays in unserem letzten Stopp vor Argentinien.


Da die Altstadt relativ überschaubar ist und wir an unserem ersten Tag bereits fast alle Sehenswürdigkeiten gesehen haben, entschließen wir uns am nächsten Tag zu einem ausgedehnten Spaziergang am Ufer des neueren Teils der Stadt, wo wir die entspannte Atmosphäre der Stadt genießen.



Fotos: Die Rambla de las Americàs führt am Rio de la Plata entlang.


Am Abend folgen wir einer weiteren Empfehlung und besuchen das Barbot, eine lokale Craft-Bier Bar mit eigenem Bier. Wir probieren uns durch die Klassiker der Brauerei und finden neben leckeren Bieren auch solche, die uns nicht so schmecken. Seit wir bewusster konsumieren, ist ein Besuch in einer Bar mehr eine geschmackliche Weiterbildung, vor allem wenn es eine Craft-Bier-Bar ist. Solltet ihr mal am Barbot vorbei kommen, können wir euch das Amber Lager empfehlen.


Fotos: Bier-Tasting im Barbot, einer lokalen Bierbrauerei in Colonia. Handwerkskunst, wie wir sie mögen.


Bevor es am nächsten Morgen zur Fähre und nach Buenos Aires geht, heben wir an einem Bankautomaten 300 US-Dollar ab. In Montevideo wurde uns empfohlen, Dollar in Uruguay abzuheben und mit nach Argentinien zu bringen, um dann vor Ort auf dem Schwarzmarkt zu tauschen. In Argentinien soll der Zugang zu ausländischen Währungen stark beschränkt sein, da der argentinische Peso sehr schwach ist und die Einführung von Fremdwährungen zu einer weiteren Schwächung führt. Wir vertrauen auf den Tipp, packen die Dollar ein und holen uns vor der Abfahrt noch einen Chivito zum Mittagessen. Anschließend schlendern wir zum Fährterminal, machen es uns dort bequem und warten auf unsere Ausreise nach Argentinien.


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