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Tag 10 | Gibraltar - endlich!

Aktualisiert: 24. Nov 2019

Montag, 18.11.2019 | Almería | Málaga | La Línea de la Concepción | Gibraltar



Nach der letzten Nacht in Murcia buchen wir uns in Almería ein Hotelzimmer. Wir wollen in dieser Nacht sichergehen, dass wir gut schlafen können. Und wir brauchen dringend eine Dusche. Wir zahlen 35 Euro die Nacht und bekommen ein blitzblankes Zimmer, ein wundervoll gemütliches Bett und trinkbares Wasser. Zum Vergleich: im Hostel haben wir gestern für unsere zwei Betten im 6er Zimmer genauso viel bezahlt. Die Erfahrung wurmt uns immer noch. Aber auch solche Erfahrungen gehören zur Reise dazu.


Wir verbringen den restlichen Nachmittag und Abend im Hotel. In der Stadt sind die meisten Geschäfte geschlossen. Die Dusche fühlt sich an, als erleben wir zum ersten Mal in unserem Leben warmes Wasser auf unserer Haut. Für den nächsten Tag planen wir, wieder mit BlaBlaCar zu fahren. Es scheint uns der schnellste und günstigste Weg zu sein. Leider gibt es keine direkte Fahrt von Almería nach Gibraltar. Aber wir finden zwei einzelne Fahrten - nach Málaga und von dort weiter nach La Línea de la Concepción, dem spanischen Teil vor der Grenze zu Gibraltar.

Am Montag Morgen laufen wir 7:30 Uhr durch Almería. Miguel fährt uns von 8-11 Uhr nach Málaga und fährt uns sogar zu unserem Treffpunkt, wo uns 14 Uhr Josué mitnimmt.


Beide Fahrten verlaufen super. Beide sprechen Spanisch mit uns, auch wenn sie ein wenig Englisch können. Wir wollen aber Spanisch lernen und wollen deshalb beim Spanischen bleiben. Gemeinsam mit dem Google Translator meistern wir das ganz gut und lernen ein paar neue Vokabeln. So müssen wir lachen, als Josué sagt, dass wir ziemliche "cojones" (Eier) hätten, diese Reise zu wagen.

Das Gute am Autofahren ist, dass man als Beifahrer die Ausblicke in die Landschaft genießen kann. Das Schöne am Reisen ohne Flugzeug ist, dass man die Veränderungen der Landschaften wahrnehmen kann. Man startet nicht in der einen und landet im Handumdrehen in der anderen Landschaft, sondern man sieht die Übergänge. Man fühlt sie auch - in Dijon sind wir bei 3°C gestartet, mittlerweile genießen wir mildere, zweistellige Temperaturen, je weiter wir in den Süden vordringen. Wir bekommen ein Gespür für die Entfernungen und der Weg wird zu einer eigenen Reise.


Was uns aber auch sofort ins Auge springt, sind die unzähligen Felder und Gewächshäuser, kaum dass wir Almería verlassen und auf der Autobahn Richtung Málaga fahren. Wir folgen der Autobahn knapp 30 Minuten lang und links und rechts der Straßen erstrecken sich Gewächshäuser um Gewächshäuser, soweit das Auge reicht. Wir fragen nach - werden hier Tomaten angebaut? "Ja, aber hier in der Gegend eher Paprika. Wenn wir näher nach Málaga kommen, gibt's auch viele Tomaten." sagt unser Fahrer Miguel ganz beiläufig.


Wir schlucken schwer. So werden also die Tomaten angebaut, die dann überwiegend in deutschen Supermärkten landen. Es ist das eine, schon einmal etwas von solchen Themen gehört oder in den Nachrichten gesehen zu haben. Aber es ist anders, es mit den eigenen Augen zu sehen. Nachhaltig und umweltschonend kann das unserer Meinung nach nicht sein.


Da uns die Sache keine Ruhe mehr gelassen hat, haben wir recherchiert (siehe auch: Faktenblatt vom WWF "Tomaten aus dem Süden Spaniens). Deutschland ist eines der wichtigsten Exportländer. Etwa 70 % des angebauten Gemüses landen hier in den Supermarkt-Regalen. Moderne Bewässerungstechniken machen es möglich. Ebenso zahlreiche Sonnenstunden und günstige Arbeitskräfte, die oft unter dem Mindestlohn arbeiten. Für die notwendige Bewässerung der Pflanzen ist das Grundwasservorkommen aufgrund von Übernutzung gefährdet. Teilweise wird bereits damit begonnen, aus Meerwasser Süßwasser zu machen. Weiterhin fehlen staatliche Kontrollen hinsichtlich der Grundwassernutzung und der Arbeitsbedingungen.


Für Fragen der Ökobilanz gibt es unter diesem Link ein interessantes Video mit weiteren Erklärungen: https://www.zdf.de/nachrichten/heute/oekobilanz-der-spanischen-tomate-100.html.


So wird empfohlen, in den deutschen Sommern die heimischen Tomaten zu kaufen. In den deutschen Wintermonaten seien hinsichtlich der CO2-Bilanz die spanischen Tomaten eine bessere Wahl, da in Südspanien dank der milden Temperaturen keine Beheizungen notwendig sind. Dabei werden jedoch nicht die Arbeitsbedingungen berücksichtigt.


Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er mit diesem Thema umgehen möchte. Wichtig ist aber, dass man sich diesbezüglich Gedanken macht und eine Entscheidung trifft. Ein achtsamer Umgang mit diesem Thema ist ein erster Schritt.


Eine ganz andere Möglichkeit im Umgang mit diesem Thema ist der eigene Anbau von Tomaten. Es ist gar nicht so schwer und funktioniert schon mit einigen Samen und ein wenig Erde. Wir selbst haben dieses Jahr Tomatenpflanzen aus Samen gezogen und waren erstaunt, wie viele Tomaten wir einige Monate später ernten durften. Eine Pflanze hatte ich sogar die ganze Zeit im Wohnzimmer am Fenster und sie hatte trotzdem Früchte getragen (Gleiches gilt für Chili-Pflanzen). Es ist ein tolles Gefühl, mitzuerleben, wie aus einem einzigen Samen eine Pflanze heranwächst, die irgendwann Blüten ausbildet und dann Früchte trägt. Ein Versuch ist es allemal Wert!



Der Berg da hinten ist Gibraltar! ruft Josué. Wir staunen nicht schlecht, als wir einen riesigen Felsen am Horizont erblicken, während wir die Autobahn entlang rollen. Die Aufregung steigt. Wir wissen noch nicht genau, wie wir die Zeit in Gibraltar finanzieren sollen. Unser Tagesbudget reicht durch den schnellen Transport von Barcelona bis Gibraltar bei Weitem nicht aus. Wenn wir ein paar Wochen auf ein Boot warten, werden wir uns etwas einfallen lassen müssen.

Gerade als wir darüber nachdenken, gibt's noch einen Knall. An einem Kreisverkehr fährt uns jemand hinten drauf. Rums! Die Stimmung kippt. Josué Kofferraum ist eingedrückt, die Motorhaube des anderen Autos ebenso. Josué klärt die Situation und so fahren wir zur Polizei, während der andere Fahrer uns folgt. Die Polizei liegt zum Glück an der Grenze Spaniens zu Gibraltar, sodass wir uns von Jousé verabschieden und wieder auf uns allein gestellt sind.


Da sind wir nun. Vor uns dieser gigantische Kreidefelsen und die Grenze zu Gibraltar. Hinter uns Spanien. Suchen wir uns erst eine Unterkunft auf der spanischen Seite oder gehen wir direkt über die Grenze? Wir wollen zum Hafen. Darauf haben wir so lange gewartet. Wie wird es sein? Von unseren Recherchen erwarten wir Hunderte von Backpackern, die ein Boot suchen. Ebenso viele Boote, die bald in See stechen wollen.

Nach unseren ersten Schritten hinter der Grenzkontrolle fühlen wir uns plötzlich very british, wir sehen eine rote Telefonbox und Kinder in britischen Schuluniformen. Wir fühlen uns völlig fehl am Platz. 5 Sterne Hotels reihen sich an edlen Casinos und Yachten. Wir sehen sogar ein Casino auf einem 5 Sterne Yacht Hotel. Teure Bars und Restaurants sowie unzählige britische Pubs.


Und einen leeren Hafen. Alle Boote scheinen verlassen. Generell scheint man nur schwer an die Boote zu kommen. Und wo ist das Hafenbüro?Sind wir hier richtig? Wir fragen nach. Keiner scheint so richtig zu wissen, wo es sein könnte. Wir suchen ca. 20 min, bis wir zwei Polizisten fragen. In dem Moment kommt zufällig jemand vorbei, der im Hafenbüro arbeitet. "Das ist wegen Umbau geschlossen! Die ganze Marina wird erneuert, das dauert vielleicht 2-3 Jahre, bis hier wieder alles normal läuft!" Steckbriefe aufhängen dürfen wir auch nicht. "Aber ihr könnt ja mal in den Bars fragen. Oder in der anderen Marina. Viel Glück!" wird uns noch hinterher gerufen. Die Ausmaße seiner Sätze können wir noch nicht ganz realisieren.


In Gibraltar gibt es zwei Häfen: Marina Bay und Ocean Village. Wenn man sich im Internet nach Booten informiert, kommt man an diesen beiden Namen nicht vorbei. Möchtest du ein Boot finden, dann musst du genau hier sein und Steckbriefe von dir aufhängen, mit den Seglern ins Gespräch kommen, auf dich aufmerksam machen. Nur wie, wenn keiner da ist? Fragen wir uns.


Wir beschließen, es beim anderen Hafen in Gibraltar zu versuchen. Die Backpacks werden immer schwerer und drücken sich bei jedem Schritt mehr und mehr in unsere Hüften. Nach 45 Minuten sind wir da. Das Büro hat glücklicherweise noch 15 min geöffnet. Wir fragen nach, doch auch hier haben wir kein Glück. "Hier bei uns braucht ihr es gar nicht erst versuchen. Hier ist es eher wie auf einem Zeltplatz. Die Leute kommen her, um eine Weile zu bleiben, und fahren dann wieder nach Hause."

Zum Trost bekommen wir einen Tee nach britischer Art - mit Milch und Zucker. Genau das richtig für unseren Kreislauf. Dennoch können wir es noch nicht so ganz glauben, dass die Häfen in Gibraltar nicht der richtige Ort sein sollen. Gut, die Beiträge im Internet sind 1-2 Jahre alt. Aber sollte sich das wirklich geändert haben? Wie sollen wir ein Boot finden, wenn es keinen Hafen gibt, der solche Boote beherbergt?


Wir sind zu müde und erschöpft, um uns noch mehr Gedanken zu machen und suchen eine Unterkunft. Normalerweise ist es kein Problem, um 18 Uhr noch eine Unterkunft zu finden. Hier in Gibraltar scheinbar schon. Zumindest heute, wie wir später erfahren. Denn heute ist Ausnahmezustand: Für die Qualifikation zur Europameisterschaft spielt Gibraltar gegen die Schweiz und das auch noch in Gibraltar! Jetzt macht es auch Sinn, weshalb wir so viele Schweizer mit Hüten und Fan-Schals gesehen haben. Fußball verbindet...und lässt die Zimmerpreise für Hotels in die Höhe schnellen. Selbst alle Hostels sind ausgebucht. Hier finden wir für heute keine Unterkunft. Nur einen wunderschönen Sonnenuntergang.

In La Linea de la Concepción, dem spanischen Teil, der an Gibraltar angrenzt, haben wir Glück. Über AirBnB nehmen uns M. und R. auf, ein französisches Paar, das vor 5 Monaten nach LaLinea gezogen ist und noch auf der Suche nach Arbeit ist. Mit AirBnB halten sie sich über Wasser, bis die Arbeit gefunden haben. Nicht die günstigste Lösung für uns, aber die trockenste und wir bekommen sogar Frühstück.

Wir gönnen uns noch ein dekadentes Abendessen im Chaboo, einem Restaurant, das von Rumänen geführt wird. Dementsprechend läuft auch Fußball - nur eben das spanische Spiel gegen Rumänien. Für 28 Euro bekommen wir uns beide satt. Nach den Strapazen der letzten Tage ist das aber auch genau das Richtige für uns. Burger, Bier und Fußball!


Ab morgen wollen wir uns dann aktiv auf die Suche nach einem Boot machen!

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