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Tag 47-50 | Barbados Teil II - ein Hauch Karibik und eine Nacht im Flughafen

Aktualisiert: Juni 1

Mittwoch, 25.12. bis Samstag, 28.12. | Barbados / Über den Wolken

Heute kommt der Weihnachtsmann!


Zumindest für die Barbadianer, denn hier wird Weihnachten am 25.12. gefeiert. Dafür machen sich die Barbadianer auch so richtig schick - bunte Ballkleider, die genauso wie die Weihnachtsdeko in den Vorgärten glitzern, schimmernde Kopfbedeckungen, etc. Für die Touristen in den Hotels bedeutet das: Bespaßung und Weihnachtsabend mit Buffett und Unterhaltungsprogramm, für uns: eine ausgestorbene Insel.


Debbie hat das Haus schon morgens für den Besuch der Kirche verlassen. Sie hat uns geraten, den Tag über zu Hause zu bleiben oder am Strand zu entspannen, denn alle Geschäfte werden geschlossen sein. Wir halten es deshalb heute sehr gemütlich: ausschlafen, entspanntes Frühstück, langsames Bereitmachen für den Tag. Wir tauchen ein in den entschleunigten Zauber, der die Insel umgibt. In die Stadt wollen wir trotzdem. Kann eine Stadt wirklich komplett schließen? Einen ganzen Tag lang? Wir sind neugierig.


Wir machen uns mittags auf den Weg. Zum Glück fahren die Busse, wenn auch vielleicht seltener. Auf Barbados gibt es übrigens drei Möglichkeiten, mit den Öffentlichen von A nach B zu kommen. Entweder lässt man sich mit einem normalen Taxi chauffieren, was recht teuer werden kann, wenn man sich vorher nicht mit dem Fahrer über den Preis unterhält. Wir haben einmal den Fehler gemacht, einfach ins Auto zu steigen – für eine 5 minütige Fahrt (von der wir dachten, wir bräuchten länger) wurden uns 30 Barbados-Dollar (BBD) abkassiert…und das ist einem nicht offiziellen Taxi, sondern in einer, sagen wir, Schrottkarre. Scheinbar kann hier jeder Taxi spielen. Aber daraus lernen wir fürs nächste Mal. Dann gibt es noch die normalen Busse, wie sie jeder kennt. Und die Zwischenform, die besonders Spaß macht: eine Art Großraumtaxi oder Minibusse für offiziell 17 Personen. Manchmal fahren auch 20 Personen mit, das kommt auf den Busfahrer an, wie sehr er sich an die offiziell zulässige Zahl hält. Immerhin bekommt er pro Person 3,50 BBD, egal wie weit diese mitfährt. Für umgerechnet ca. 1,70 Euro kann man also z.B. von Bridgetown zum Flughafen fahren (ca. 50 min), was sehr günstig ist.

Diese Transportform ist unsere liebste, nicht nur aus Kostengründen. Sondern auch deshalb, weil jeder Wagen individuell gestaltet ist. Von klassisch mit einfarbigen Ledersitzen bis hin zu Graffiti-Wänden und bunten Sitzen – jeder Bus ist anders und deshalb jede Fahrt einzigartig. Eines haben aber alle gemeinsam: dicke Boxen in der letzten Reihe und ohrenbetäubende Musik – von HipHop über Mariah Carey bis zu Klassischer Musik – man weiß nie, in welche andere Welt der nächste Bus einen eintauchen lässt. Eine Sehenswürdigkeit für sich, wie wir finden!

Es gibt eine weitere Besonderheit bezüglich der Minibusse: denn es gibt keinen Zeitplan. Man muss nicht einmal an einer Haltestelle warten, sondern man kann gemütlich am Straßenrand entlang laufen und sobald von Weitem ein Hupen ertönt, kann man den Daumen raushalten, wenn man mitfahren möchte. Eine Nummer vorne am Wagen zeigt, wohin der Bus fährt. Hupt der Bus nicht, bedeutet das, dass er keine freien Plätze mehr verfügbar hat. Bezahlt wird dann beim Aussteigen. Super praktisch, wie wir finden.


Sightseeing auf Barbados - ein treffendes Bild zur Vorstellung wäre der Strohballen, der durch die staubige Westernstadt rollt.

In der Stadt angekommen, merken wir schnell, dass Debbie Recht hat. Wir begegnen bei unserem Spaziergang kaum einem Menschen, alle Geschäfte haben geschlossen. Ein treffendes Bild zur Vorstellung wäre der Strohballen, der durch die staubige Westernstadt rollt. Wir schlendern durch die Straßen und finden den "Queen's Park", einen Park mit viel Geschichte. Denn ursprünglich diente der Park als Garnison für Britische Soldaten. Nach Abzug der Truppen im Jahr 1906 ging die Fläche in das Eigentum der Regierung über.


Danach wurde der Ort in einen öffentlichen Park von der Frau des Gouverneurs umgestaltet. Lady Gilbert-Carter entwarf Gärten, Grünflächen und einen Springbrunnen. So entstand im Jahr 1909 einer der ersten öffentlichen Räume auf der Insel.

Fotos: Heute haben wir den Queen's Park ganz für uns allein.



In der Nähe des Queen's Park befindet sich auch eine der wunderschönen Kirchen der Insel: die Cathedral Church of Saint Michael and All Angels. Sie wurde ursprünglich als kleine, hölzerne Pfarrkirche St. Michael im 17. Jh. erbaut. Durch einen Hurrikan wurde sie knapp 100 Jahre später zerstört, jedoch größer und moderner wieder erbaut. Das Besondere ist das Baumaterial: beim Wiederaufbau wurden Korallensteine verwendet, eine natürliche Ressource der Insel. 1825 wurde die Kathedrale zum Dom geweiht.


Leider hat die Kathedrale heute geschlossen. Deshalb bleibt uns nur der Blick auf ihre hübsche Außenfassade:

Foto: Die Cathedral Church of Saint Michael and All Angels.

Foto: So sieht eine KiTa auf Barbados aus.


Was uns besonders auf- und gefällt, sind Informationstafeln, die hier und da auftauchen und interessante Fakten über die Insel verraten. So sind das historische Barbados und seine Garnison in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. Auf einer Tafel lesen wir, dass Barbados früher die erste Anlaufstelle für Schiffe war, die den Atlantik überquerten (so auch für unsere kleine Schiffs-Crew vor ein paar Tagen). Bridgetown entwickelte sich von einer kleinen Hafenstadt in die Hauptstütze der handelsbasierten englischen Expansion. So wurde nicht nur Handel mit Waren und Menschen betrieben, sondern auch Ideen und Kulturen weitergegeben. Dadurch wurde der Hafen zu einem Zentrum für Handel, Besiedlung und Ausbeutung.

Nach der kurzen Sightseeing-Tour beschließen wir noch, bei Ron auf dem Boot vorbeizuschauen. Für ihn ist heute ein besonderer Tag, denn er sieht nach vielen Wochen endlich seine Familie wieder. Seine Frau und Tochter fliegen nach Barbados, um mit ihm und dem Boot weiter durch die Karibik zu segeln – ein Traum, den die beiden schon länger haben und dieses Jahr endlich in Erfüllung gehen soll. Als Ron deshalb zum Flughafen fährt, beschließen wir auch, wieder zurück zu fahren. Also rein in den Bus, der dieses Mal im Reggae-Stil gestaltet ist (grüne, gelbe Sitze und es läuft Bob Marley) und zu Hause einen ganz gemütlichen Spieleabend genießen.



Fotos: So sieht die Nachbarschaft Hastings aus, in der wir bei Debbie untergekommen sind. Ab und an sieht man auch Affen, über die nicht nur wir, sondern auch die Tauben staunen.

Das ist wohl das ruhigste Weihnachten, das wir je gefeiert haben, gestehen wir uns ein.

Den 26.12. verbringen wir ähnlich entspannt, am Nachmittag sind wir jedoch mit Rons Familie am Strand, abends geht es in eine Strandbar mit Musik und Tanz.



Jürg haben wir übrigens schon am 24.12. mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet. Er düst gerade mit einem Motorroller die Ostküste der Insel entlang, bevor er in wenigen Tagen weiter reist. Hier ein kleiner Einblick in seine Fotosammlung:

Fotos: Jürg Ryser (https://www.jurgryser.com/) Danke Jürg, für alles! Wir werden dich in unseren Herzen tragen und an all die wahren Dinge denken, die du uns beigebracht hast. Du hast uns fasziniert, inspiriert und tief berührt. Mögen wir eines Tages genau so mutigen Seelen ein Stück weit auf ihrem Heimweg begleiten.



Am nächsten Morgen treffen wir eine Entscheidung: nach dem Wasserbad im Atlantik ist uns klar geworden, dass wir einiges an Gepäck zu viel dabei haben. Wir misten aus. Was wir bisher gar nicht getragen haben, sortieren wir direkt aus. Bei Dingen, die wir doppelt haben, entscheiden wir uns für eins. So separieren wir einige Pullover, Shirts, Schuhe und Ausrüstungsgegenstände und schenken sie Debbie, die sich im Kirchenverein engagiert, mit der Bitte, sie an die richtigen Menschen weiterzuleiten.


Denn unser Flug geht morgen und wir haben für heute Nacht keine Unterkunft - und das bewusst. Wir wollen heute Nacht nämlich draußen schlafen.

Für uns geht es nun in Richtung Flughafen, auch wenn wir heute noch nicht fliegen werden. Wir wollen ihn stattdessen erst einmal anschauen und abwägen, ob man dort die Nacht verbringen kann. Denn unser Flug geht morgen und wir haben für heute Nacht keine Unterkunft - und das bewusst. Wir wollen heute Nacht nämlich draußen schlafen. Wir schauen uns um. Der Flughafen „Grantley Adams International Airport“ ist offen gestaltet, d.h er besteht aus einer Art großen Halle. Neben zahlreichen Sitzbänken gibt es ein Café, einen Laden der auf der Insel beliebten FastFood-Kette „Chefette“ und eine Bar. Falls wir nirgendwo anders einen Schlafplatz finden, werden wir die Nacht hier verbringen. Vorher versuchen wir es noch an einem nahe gelegenen Strand, an dem wir ein letztes Mal den Sonnenuntergang genießen wollen.

Mit Bier machen wir es uns eine Stunde später auf unseren Handtüchern im Sand gemütlich – an unsere Backpacks gelehnt und den Ausblick genießend.


Wir kommen mit einer Dame ins Gespräch, die unser Vorhaben wohl erahnt. „Wollt ihr etwa hier schlafen?“ fragt sie nach einer Weile. Sie rät uns tatsächlich davon ab, weil es hier nach Sonnenuntergang wohl öfter zu Überfällen kommt. Hier zu schlafen sei nicht sicher. Als sie später den Strand verlässt, erinnert sie uns noch einmal daran „Vergesst nicht, nach Sonnenuntergang zu gehen!“ Diese Frau hat Eindruck hinterlassen. Wir glauben ihr und wollen unser Glück nicht unnötig auf die Probe stellen. In den letzten Sonnenstrahlen des Tages packen wir unsere Sachen zusammen.

Am Flughafen beginnt nun das Warten und Beobachten. Wir wollen unser Nachtlager erst aufschlagen, sobald der letzte Flug gegangen bzw. angekommen ist und die Schalter schließen. Zum Abendessen gibt es am Vortag zubereitetes Linsencurry, das wir in unserer Lunchbox dabei haben – und noch ein Banks, das wir für das Wi-Fi an der Flughafenbar gekauft haben.


Da sitzen wir nun. Zum zweiten Mal auf unserer Reise in einem Flughafen. Während wir das erste Mal im Flughafen Barcelona fest entschlossen waren, nicht zu fliegen, warten wir hier auf Barbados auf unseren Flug nach Montevideo, Uruguay. Wie eigenartig sich das anfühlt. Wir beobachten die vielen Menschen, die teils erst angekommen sind, teils sonnengebräunt die Insel nach ihrem Urlaub wieder verlassen. Wir fliegen nun also doch.


Wir haben uns entschieden, in ein Flugzeug zu steigen. Warum? Zum Großteil liegt es daran, dass wir innerhalb von 48 Stunden ein Ausreiseticket beim Immigrations-(Hafen)büro vorzeigen mussten. Die einzige Alternative wäre die Weiterfahrt mit dem Segelboot gewesen. Also noch einmal ein Boot suchen und vielleicht auch noch einmal mit der Seekrankheit leben. Uns sitzen die Erfahrungen aber noch tief in den Knochen. Eine weitere Herausforderung: wir haben die Entfernungen unterschätzt. Barbados ist die östlichste karibische Insel, von hier bis zum Festland ist es ein weiter Weg. Wir waren anfangs bereit, alles mit dem Boot abzusegeln, aber jetzt müssen wir uns eingestehen, dass das Segeln für uns zwar machbar, aber mit gesundheitlichen Einschränkungen verbunden ist. Dazu sind wir noch nicht bereit.

Im Endeffekt ist es ein Experiment - wie gut kann man ohne Flugzeug reisen? Wir versuchen, es auf ein Minimum zu reduzieren und nur dann zu fliegen, wenn es für uns keinen anderen Weg bzw. keine erträglichen Alternativen gibt. So wie in diesem Fall.

Vielleicht hätten wir ein anderes Boot gefunden, vielleicht auch nicht. Wenn wir eins gelernt haben bisher, dann, dass das Wichtigste ist, auf sein Herz zu hören. Weiter zu segeln fühlt sich nicht richtig an, zumindest nicht in diesem Moment. Wenn wir morgen Mittag in dieses Flugzeug steigen, so tun wir dies bewusst.

Anfänglich fühlte es sich wie eine Niederlage an - wir haben es nicht geschafft. Wir haben unsere Familien und Freunde und uns selbst enttäuscht. Wir gehören nicht zu denjenigen, die eine Reise komplett ohne Flugzeug geschafft haben. Aber jetzt nach einiger Bedenkzeit wissen wir, dass es eben eine Reise ist - nicht nur hinsichtlich der Entfernungen, sondern auch eine persönliche. So lernen wir jetzt, dass wir nicht verloren haben, sondern nur gewonnen haben, weil wir umso bewusster reisen werden.

Doch bevor wir in das Flugzeug steigen werden, dürfen wir erst noch die Nacht im Flughafen verbringen. Es ist kurz vor Mitternacht, als die Schalter endlich schließen und die Putzfrauen so langsam ihre Schichten beenden. Jetzt sind nur noch wenige Personen hier - darunter auch ein anderer Backpacker, der sich mit den Bänken im Wartebereich begnügt und schon tief schläft. Wir dagegen haben einen Bereich erspäht - eine Etage höher, neben scheinbaren Büroräumen, kaum einsehbar vom Erdgeschoss. Wir versuchen es. Wir machen uns nacheinander in den Waschräumen "bettfertig" und legen unsere "Betten" aus, wie schon auf der Fähre nach Las Palmas: Kleidung und Jacken dienen als Matratze, darauf legen wir uns mit unseren Schlafsäcke. Wir hoffen, dass es für die Security in Ordnung ist, dass wir hier schlafen. Wir werden sehen.


Gegen 6 Uhr werden wir geweckt. "Entschuldigung, ihr wollt nicht zufällig mit dem nächsten Flieger fliegen, der gerade bordet?" So sind die Barbadianer. Anstatt rausgeworfen zu werden, werden wir sogar noch von einem besorgten Mitarbeiter geweckt. Auch wenn es nicht unser Flieger ist und wir nur knapp 5 Stunden geschlafen haben, sind wir gerührt. Wir sprechen noch eine Weile mit ihm. "Sieht nicht gerade bequem aus, wie ihr da geschlafen habt. Wieso macht ihr das?"

"Ihr seid ja verrückt!" lacht er, als wir antworten, dass wir freiwillig hier schlafen wollten und unser Flieger erst in ein paar Stunden geht. "Dann macht's mal gut. Unten gibt's ein Café mit gutem Kaffee, um wach zu werden! Aber macht langsam."


Dieser Mitarbeiter ist in unseren Augen stellvertretend für all die Menschen, denen wir auf der Insel in unserer kurzen Zeit begegnet sind (trotz Warnungen vor Überfällen). Es ist ein herzliches, freundliches, strahlendes Völkchen hier, das wir ganz sicher auf unserer weiteren Reise vermissen werden. Mach's gut, Barbados!


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